Es gibt nichts Besseres als Aktien, aber…

Aus Sicht von Anhängern der Sparwolff-Philosophie hat die Corona-Pandemie auch eine positive Seite: Da Clubs, Kneipen, Cafés, Restaurants, Kinos, Theater und Fitnessstudios geschlossen und Fernreisen praktisch nicht möglich sind, bleibt am Ende des Monats deutlich mehr als sonst auf dem Konto übrig. Hinzu kommt noch die Ersparnis, wenn ihr einige meiner Spartipps und Schnäppchen-Ideen umgesetzt habt.

Dadurch ergibt sich für euch ein kleines Luxusproblem: Wohin mit dem gesparten Geld? Es einfach auf dem Girokonto herumliegen zu lassen, ist keine gute Idee. Denn hierfür bekommt ihr keine Zinsen. Durch die Inflation verliert es im Lauf der Zeit sogar an Wert. Im schlimmsten Fall müsst ihr neuerdings sogar Negativzinsen auf euer Guthaben zahlen. Einige Banken haben solche Strafzinsen inzwischen auch schon für Guthaben deutlich unter 100.000 Euro eingeführt. Strafzinsen sind also nicht mehr nur ein Thema, das die Reichen betrifft.

Auf dem Sparbuch oder auf Festgeld- oder Tagesgeldkonten ist euer Erspartes auch nicht gut aufgehoben. Zinsen erhaltet ihr mit diesen Sparformen, wenn überhaupt, ebenfalls nur ganz geringe.

Wollt ihr euer Geld vermehren, gibt es für euch eigentlich keine Alternative zu Aktien. Ihr meint, das sei nur etwas für Leute, die sich damit auskennen? Dazu sage ich euch klipp und klar: Diese Vermutung ist falsch. Um in Aktien zu investieren, braucht ihr keine Expertise. Für diejenigen unter euch, die sich für ahnungslos auf diesem Gebiet halten, gibt es ein wunderbares Instrument: Börsengehandelte Indexfonds (auch ETF genannt). Sie sind kostengünstig, transparent und unkompliziert. Der Einstieg lohnt sich schon, wenn ihr nur wenige Hundert Euro auf dem Konto liegen habt. Von aktiv gemanagten Fonds (auch aktive Fonds genannt) rate ich dagegen dringend ab. Die Gebühren, die dabei anfallen, sind in aller Regel unangemessen hoch und fressen einen Großteil der Rendite auf.

Stellt euch Fragen wie: Was fasziniert mich an diesem Unternehmen eigentlich? Hat es einen Wettbewerbsvorteil gegenüber seinen Konkurrenten?

Wer von euch etwas mehr Ehrgeiz bei der Geldanlage hat, der sollte sich nicht scheuen, direkt in Aktien zu investieren. Das kostet euch am Anfang zwar etwas Mühe. Ihr werdet aber schnell feststellen, wie interessant das sein kann und wieviel ihr dabei über Unternehmen und wirtschaftliche Zusammenhänge lernt. Sucht euch also ein paar Unternehmen aus, die euch interessieren – zum Beispiel, weil ihr deren Produkte selbst konsumiert oder weil ihr deren Geschäftsmodell faszinierend findet.

Stellt euch Fragen wie: Was gefällt mir an diesem Unternehmen eigentlich? Wird es ihm aller Voraussicht nach nicht nur heute, sondern auch in einigen Jahren noch gut gehen? Hat es einen Wettbewerbsvorteil gegenüber seinen Konkurrenten? Wie hoch ist der Verschuldungsgrad? Wie stark ist das Wachstum? Handelt es sich um eine Branche mit Zukunft? Welche Risiken bestehen?

Erst nachdem ihr diese Fragen für euch zufriedenstellend beantwortet habt, solltet ihr ernsthaft erwägen, Aktien der Unternehmen zu kaufen, mit denen ihr euch beschäftigt habt.

Aber Vorsicht: Wer ganz unbedarft an der Börse investiert, kann ganz schnell sein blaues Wunder erleben. Das möchte ich euch anhand eines realen Falls deutlich machen: Im vergangenen Dezember wollte eine Kundin der Comidirect-Bank 25.000 Euro Aktien der Firma Greenwich Lifesciences kaufen und hat damit in kürzester Zeit einen Verlust in Höhe von 360.000 Euro erlitten.

„Das ist doch gar nicht möglich“, werden jetzt diejenigen unter euch sagen, die schon ein bisschen was von Aktien verstehen. Prinzipiell habt ihr natürlich Recht: Bei Aktien kann der Verlust nicht höher als der Einsatz sein. Bei 100 Prozent Verlust ist Schluss. Für Anleger besteht selbst im Insolvenzfall keine Nachschusspflicht, wie sie bei einigen anderen Anlageinstrumenten existiert.

Im Fall der unglücklichen Anlegerin ist jedoch folgendes passiert: Sie hat ihrer Bank, der Comdirect, eine unlimitierte Kauforder über eine Aktie erteilt, die üblicherweise nur wenig gehandelt wird. Solche Aktien werden Nebenwerte genannt. Bei Nebenwerten kommt es manchmal zu gewaltigen Kurssprüngen innerhalb kürzester Zeit. Eine einzige größere Order kann dazu führen, dass der Kurs durch die Decke geht oder abstürzt. Die Anlegerin wollte also Aktien von Greenwich Lifesciences für den Gegenwert von 25.000 Euro kaufen. Das Computersystem der Comdirect Bank hat ihr angezeigt, dass sie für diesen Betrag eine bestimmte Anzahl Aktien bekommt. Der von der Bank dabei angezeigte Betrag wird indikativer Orderwert genannt.

Entscheidend ist, dass ihr euch an der Börse an einige Grundlegen haltet

Das Problem: Der indikative Orderwert hatte in diesem konkreten Fall nichts mit dem tatsächlichen Orderwert zu tun, der um ein Vielfaches höher lag. Denn der Kurs der Greenwich Lifescience Aktie schwankte in dieser Zeit so stark, dass die Computersysteme der Bank vermutlich mit der Anzeige eines aktuellen, realistischen indikativen Orderwerts überfordert waren.

Zum Verhängnis wurde der Anlegerin, dass sie ihre Order unlimitiert aufgab. Bei einer unlimitierten Kauforder lautet die Anweisung an die Bank: „billigst“. Die Aktien sollen also so billig wie möglich gekauft werden. Das klingt eigentlich gut. Faktisch bedeutet eine solche Order aber, dass die Aktien auf jeden Fall gekauft werden sollen – egal zu welchem Preis. Bei Aktien von großen Konzernen wie zum Beispiel DAX-Werten (solche Aktien werden auch Standardwerte genannt) ist das normalerweise kein Problem. Denn bei diesen Aktien sind die Umsätze sehr hoch. Sie werden alle paar Sekunden gehandelt. Eine Billigst-Order wird sofort ausgeführt – und zwar in aller Regel zu einem fairen und realistischen Preis. Denn bei Aktien von DAX-Konzernen gibt es immer zahlreiche Anleger, die kaufen und verkaufen wollen. Eine neue Billigst-Order wird dann dem Verkäufer zugeteilt, der zu diesem Zeitpunkt den höchsten Preis für die Aktie bietet.

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Bei kleinen Nebenwerten wie Greenwich Lifesciences ist das aber anders. Bei solchen Aktien sind die Umsätze oft sehr gering. Hier lauern einige gewiefte Investoren geradezu auf unbedarfte Kleinanleger: Zu diesem Zweck platzieren sie limitierte Verkaufsorders zu Preisen, die weit über den aktuellen Börsenkursen liegen. Kommt eine Billigst-Order herein, schnappt ihre Falle zu: Weil es keine anderen Verkaufsangebote gibt, wird die Order zu dem – eigentlich utopisch hohen – Preis dieser Verkäufer ausgeführt.

Umgekehrt läuft es bei unlimitierten Verkaufsorders. Hier lautet die Anweisung des Kunden an die Bank „bestens“. Die Aktien sollen also zum besten, d.h. zum höchst erzielbaren Preis veräußert werden. Auch das klingt eigentlich gut. Doch auch hier lauern bei kleinen Nebenwerten einige Investoren nur auf solche Order – diesmal stehen sie auf der Käuferseite: Sie stellen einen eigentlich utopisch niedrigen Kaufpreis und erhalten am Ende den Zuschlag, weil es ja kein anderes Kaufangebot für die Aktien gab, die der unbedarfte Kleinanleger „bestens“ feilgeboten hat.

Unsere Comdirect-Kundin ist offenbar gleich in beide Fallen getappt: Wie es genau abgelaufen ist, wissen wir nicht. Aber die Vermutung liegt nahe, dass sie die Aktien unlimitiert, also „billigst“ gekauft – und damit einen viel zu hohen Preis dafür bezahlt hat. Das hat in diesem Fall dazu geführt, dass sie 600.000 Euro investiert hat statt nur 25.000 Euro, wie sie eigentlich wollte. Als ihr das klar wurde, hat sie wahrscheinlich einen Riesenschreck bekommen und die Aktien sofort wieder verkauft – natürlich wieder unlimitiert, also „bestens“ – und damit zu einem ganz lausigen Kurs.

Dieser Ablauf könnte jedenfalls erklären, warum die Anlegerin 360.000 Euro verloren hat und damit deutlich mehr Geld als sie überhaupt anlegen wollte.

Die Anlegerin hat aber noch mindestens zwei weitere grundlegende Fehler gemacht:

1. Sie hat ihr gesamtes Guthaben (und faktisch sogar deutlich mehr) in diesen einen kleinen Nebenwert investiert. Damit hat sie eine der wichtigsten Anlegerregeln überhaupt missachtet. Sie lautet: „nicht alle Eier in einen Korb legen“ – sprich, das Geld breit über verschiedene Aktien aus unterschiedlichen Branchen und Regionen streuen.

2. Sie hat sich offensichtlich vorab gar nicht richtig über die Aktie von Greenwich Lifesciences informiert, sondern ist blind den Empfehlungen eines möglicherweise unseriösen Börsenforums gefolgt. Das hat sich fatal ausgewirkt.

Zugegeben, es handelt sich um ein extremes Beispiel. Es illustriert meines Erachtens aber sehr deutlich, welche Risiken Anfänger an der Börse eingehen, wenn sie sich vorab nicht richtig informieren. Das soll euch aber auf keinen Fall davon abhalten, in Aktien zu investieren. Denn auch für Anleger mit wenig Kapital gibt es keine bessere Anlageform. Langfriststudien zeigen, dass mit einem breit gestreuten Aktienportfolio im Durchschnitt Renditen von 7 bis 8 Prozent pro Jahr erzielt werden. Ist das nicht deutlich attraktiver als Nullzinsen oder sogar Negativzinsen für Bankguthaben?

Entscheidend ist aber, dass ihr euch an der Börse an einige Grundregeln haltet. Die möchte der Sparwolff euch nun in den kommenden Wochen nach und nach vermitteln.

Teilt mir eure Meinung über die Kommentar-Funktion mit

Nun aber nochmal zu unserer bedauernswerten Comdirect-Kundin. Bemerkenswert ist, dass ihr Konto auf Guthabenbasis geführt wurde. Das Konto durfte also eigentlich gar nicht überzogen werden. Das Guthaben betrug nur 25.000 Euro.

Was meint ihr? Warum kam es trotzdem zu einer Ausführung der unlimitierten Kauforder über 600.000 Euro? Trägt die Comdirect Bank aus eurer Sicht eine Mitschuld oder ist die Anlegerin aufgrund ihrer „Billigst“-Kauforder alleine für das Desaster verantwortlich? Teilt mir eure Meinung über die Kommentar-Funktion mit. Ich freue mich auf reine rege Diskussion!

5 Kommentare zu „Es gibt nichts Besseres als Aktien, aber…

  1. Interessanter Beitrag über die Aktien. Bin auf die Fortsetzung gespannt. Die Bank trägt meiner Meinung nach Mitschuld. Sie kann doch keine Order ausführen, wenn die Deckung (zuzüglich des vereinbarten Überziehungsrahmens) nicht vorliegt! Oder?

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  2. Ich bin da auf der Seite der Bank. Die Kundin hat die AGB akzeptiert und somit der Bank alle Rechte gegeben. In dem Fall hat sie wohl leider Pech gehabt. Bei aller liebe.
    LG Klaus

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  3. Die Bank ist auch nur eine Maschine – jeder (denkende) Mensch hätte einen solchen Vorgang nie gestartet. Aber klar, der Bank-Computer wurde von einem Menschen programmiert. Und da scheint dann doch irgendetwas schief gelaufen zu sein. 25.000 Euro als Limit heißt dann auch 25.000 Euro Limit. Ich denke, die Bank trägt hier die Hauptschuld.

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  4. Ein nteressanter, hochvertrackter Fall, aus dem die comdirekt (und nach deren Auflösung nun die Commerzbank) hoffentlich nicht einfach so herauskommt, wenn es stimmt, dass die junge Kundin ausdrücklich festgelegt hat, dass ihr Konto nicht überzogen werden darf. Halte es da mit der Argumentation ihres Anwalts: „Wenn eine völlig unerfahrene 28-jährige Verbraucherin das Sicherungssystem einer Bank mit ein, zwei Orderversuchen umgehen kann, dann kann es sich nicht um ein Sicherungssystem handeln.“ Die Bank hätte das Konto gar nicht überziehen dürfen. Seiner Ansicht nach müsse ein technischer Defekt bei der Bank der Grund dieses Vorfalls sein. Oder Kalkül? Inzwischen gibt es wohl Gespräche …

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